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Erinnerungen

 

Es gibt Dinge, die nie verblassen, Menschen, die immer im Herzen sind und von beiden sollte man erzählen...nicht nur wenn der Strom ausfällt und nicht nur auf Familienfeiern. Sie sind in uns und prägen uns und ich wünsche mich manchmal zurück- nur ein ganz kleines bisschen...als die Welt sich noch um die Menschen drehte und man mit den Hühnern aufstand und dicke Federbetten hatte und eine quietschende Schaukel vor dem Fenster stand, und wir durch den Mais liefen und die Menschen, denen man begegnete, Eindruck machten, durch das was sie waren und nicht nur, durch das was sie hatten. Das hier ist die Erinnerung an einen ganz lieben Menschen, der mich berührt hat und immer bei mir sein wird...

 

Meine Ur-Oma war eine sehr schöne, im Alter etwas rundliche, aber herzliche Frau mit schlohweißem Haar, dass sie noch immer wie ein junges Mädchen geflochten trug. Ihren Mann hatte sie früh verloren. Ein Bild, dass ihn zeigt, hing einem Heiligenbild gleich an der Wand im Schlafzimmer. Sie wohnte noch immer in dem Gutshaus, in dem sie einst den Gutsherrn als Magd gedient hatte. Sie lebte in bescheidenen Verhältnissen. Eine Toilette gab es nicht, nur ein Plumpsklo mitten in einem kleinen Waldstück vor dem Gutshaus und gekocht wurde auf einem Herd, den man mit Holz anheizen musste. Ich verbrachte oft meine Ferien bei ihr.

 

Wenn mein Vater und ich mit dem Rad ankamen, schlachtete sie als erstes ein Huhn. Es gab kein Telefon, dass unsere Ankunft hätte ankündigen können. Das geschlachtete Huhn kam in einen Eimer und blutete aus. Später wurde es abgekocht und die Federn wurden gerupft. Die Hände meiner Großmutter waren rissig und groß. Sie hatte viel auf dem Feld gearbeitet, eine größere Schulbildung besaß sie nicht. Und doch war sie voller Weisheit. Voller, durch die Jahre gewachsenen Erfahrungen, die tiefen Prägungen, die das schwere Leben bei ihr hinterlassen hatten und die sie nicht verbittert gemacht hatten trotz vielerlei Ungerechtigkeiten.  Sie hatte die Nazis erlebt, den Krieg und dessen Ende, als die Russen kamen, später dann die DDR-Zeit. Die Wende blieb ihr erspart, sie starb kurz davor.

 

In meiner Erinnerung wird sie immer sein. Sie prägte mich durch ihre einfache Art, das Leben hinzunehmen als etwas, das kommt und geht, und ermutigte mich, mein Glück in einfachen Dingen zu suchen. Oft vergesse ich das im Alltag. Doch es gibt auch Momente, an denen ich mich erinnere, wie es ist, auf der zwischen zwei Birken befestigten Bank zu sitzen und von der Sonne kitzelte die Nase. Ich sehne mich danach, ihr weißes Haar zu kämmen und nach dem Geruch nach Kartoffeln im Keller. Das Leben heute ist anders. Das Gutshaus gibt es noch, die alten Gutsherrn kamen nach der Wende zurück und renovieren Stück für Stück das alte Haus. Ich wohne weit weg, in der Stadt. Fast zwanzig Jahre war ich nicht mehr im Dorf. Doch die Erinnerungen verblassen nur, wenn man es zulässt.  

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